Warum ich die Babyzeit viel zu selten genießen kann - Bedürfnisbefriedigung als Daueraufgabe

Tränen kullern mir über das Gesicht. Ich liege im Bett. Es ist noch dunkel. Ganz fest presse ich Kopfkissen und Decke an meine Ohren, um das Babyschreien nicht zu hören. Wenn ich es nicht höre, ist es nicht da. Dann ist alles wieder gut. Dann muss ich mich nicht fühlen, als hätte ich versagt, als hätte ich nicht alles gegeben. Dann muss ich mir keine Vorwürfe machen, sie in ihrem Schmerz nicht die ganze Nacht herumgetragen, sondern immer wieder abgelegt zu haben in der Hoffnung selbst etwas Schlaf erhaschen zu können. Dreimal eine Stunde habe ich geschlafen. Und natürlich schlafe ich auch jetzt nicht ein. Ich stehe auf und gehe zum Wickeltisch, wo der Papa das schreiende Wölkchen erst anzieht und dann auf dem Arm versucht zu beruhigen. Vergebens. 

Rückblick

Warum ist sie so aufgelöst? Wölkchen zahnt UND hat eine Erkältung. Anders als bei Wirbelwind damals, steckt sie es nicht so einfach weg. Bei jedem Rasseln in der Nase wurde sie in dieser  Nacht (und auch in den letzten Nächten) wach und war außer sich. Nach dem Stillen schlief sie jedoch für gewöhnlich wieder ein. Eine Stunde. Doch irgendwann auf der Hälfte der Nacht half auch das nicht mehr. Drei Atemzüge und sie war wach und jammerte. Schlummerte etwas, jammerte weiter, nickte erneut etwas ein, um einige Minuten später laut loszubrüllen. Dabei rasselte ihre Nase nicht einmal sonderlich. Sicherlich ist der zweite Zahn am Durchbrechen. Doch auch Zahnungsgel, Zahnöl und Nelkensud brachten keine Linderung. Ich erklärte die Nacht für beendet und übergab sie dem Papa.
Und da stehen wir nun am Wickeltisch, schauen auf dieses brüllende Bündel und sind ratlos. Ich versuche ein letztes Mal sie im Liegen stillend zu beruhigen. Keine Chance. Ich packe das Tragetuch aus und wickele sie ein. Schnell beruhigt sie sich, nimmt irgendwann den Nuckel und einige weitere Minuten und Japser später schließt sie tatsächlich die Augen. Und da sind wir nun. Ich sitze mit ihr auf dem Sofa und tippe diese Zeilen. Ratlos. In der Hoffnung, dass sie nach diesem Schläfchen wieder die Alte sein würde. Das Wölkchen, das uns den letzten Monat so oft mit einem Lachen beglückt hat, bevor sich der erste Zahn auf den Weg machte. Das Wölkchen, das nachts fünf Stunden am Stück schlief und auch mir einmal eine Pause gönnte. Hoffnung. Das ist das, was mich derzeit wach hält. 
 
Wie passend, dass Frau Chamailion eine Blogparade ins Leben gerufen hat, die genau das zum Thema hat: Eltern in der (Auf)-Opferungsrolle – elterliche Grenzen vs. kindliche Bedürfnisbefriedigung. Dazu kann ich doch etwas sagen. Dazu kann wohl jede Mutter etwas sagen, und jeder Papa. Nur dass jeder seine "Opferrolle" anders sieht, seine Grenzen anders wahrnimmt und jedes Baby andere Bedürfnisse an den Tag legt. Fangen wir einmal etwas sachlicher an uns dem Thema zu widmen. Durchatmen.

Bedürfnisse sind relativ

Was sind überhaupt Bedürfnisse? Welche Bedürfnisse sind denn gemeint, wenn wir davon sprechen, diese bei unserem Baby zu erfüllen? Oder wenn Mama meint sie müsse auch mal auf ihre eigenen Bedürfnisse hören?

Es gibt eine sehr anschauliche, wenn auch inzwischen etwas veraltete, "Bedürfnispyramide" von Maslow. Psychologen unter Euch werden sie kennen. An unterster und somit wichtigster Stelle stehen demnach die Grundbedürfnisse, wie Essen, Trinken, Schlafen, Atmen, eben Bedürfnisse, die das Überleben sichern. Es folgen Sicherheitsbedürfnisse, wie der Wunsch von Geborgenheit. Sind diese erfüllt, erlangen soziale Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, sozialen Gruppen, Liebe an Bedeutung. Erst dann werden Geltungsbedürfnisse und schließlich Selbstverwirklichungsbedürfnisse wirksam. Die Erläuterung der genauen Theorie erspare ich mir hier. Ich nutze lediglich die Bedürfniskategorien sowie die Anordnung in der Pyramide als Aufhänger. Maslow möge mir verzeihen.

Im Laufe meines Lebens waren alle diese Bedürfnisse immer präsent und - viel wichtiger - befriedigbar. Ich hatte immer ein Dach über den Kopf. Essen auf dem Tisch. Ein Bett zum Schlafen (Grundbedürfnisse). Ich bin in einem sicheren Land aufgewachsen, bei einer Mutter, die nur das Beste für mich wollte (Sicherheitsbedürfnisse). Ich gehörte zahlreichen Gruppen an, musikalisch, sportlich und die klassischen Peers. Ich habe geliebt. Ich wurde geliebt (soziale Bedürfnisse). Ich wurde beachtet und anerkannt (Geltungsbedüfnisse) und ich hatte die Möglichkeit mit selbst zu verwirklichen, zunächst über Hobbies und mein Studium, später auch über das Mamasein und das Bloggen (Selbstverwirklichungsbedürfnisse). 
Und wenn ich es mir recht überlege sind die Bedüfnisse auch jetzt noch alle in einem gewissen Maße erfüllt. Die Gewichtung ist nur deutlich eine andere, welche sich in erster Linie dadurch äußert, dass ich deutlich weniger Zeit für deren Erfüllung zur Verfügung habe. Das liegt daran, dass ich nun nicht nur für meine eigene Bedürfniserfüllung verantworlich bin, sondern auch für die von zwei Kindern und einem Mann (den wollen wir hier mal nicht vergessen!). Und insbesondere das Kleinste von ihnen, unser Wölkchen, verlangt derzeit von mir eine starke Reduktion einiger Bedürfnisse. Folgende Szenen aus meinem Alltag sollen das verdeutlichen:

Grundbedürfnisse:
Sicherheitsbedürfnisse
soziale Bedürfnisse
Geltungsbedüfnisse
Selbstverwirklichungsbedürfnisse

Die Kompetez des Babys Bedürfnisse zu zeigen

Das sind sie also, unsere Bedürfnisse. Oft wird gesagt, man soll sich auf die Kompetenz der Babys verlassen. Sie sagen, was sie brauchen. Was aber, wenn verschiedene Bedürfnisse miteinander kollidieren, widersprüchliche Signale an die Eltern gesendet werden oder Bedürfnisse mit Gewohnheiten verwechselt werden? Soll heißen: Weiß ein Baby immer, was es gerade braucht? 
Schauen wir wieder auf unser Wölkchen. Es ist nachmittags. Sie ist bereits zwei Stunden wach, hat getrunken und gespielt. Nun reibt sie sich die Augen. Es ist offensichlich, sie ist müde. Und dennoch schläft sie nicht einfach ein. Gerade am Nachmittag sträubt sie sich gerne mal gegen den Schlaf, will lieber gucken und riskiert einen "Overload", anstatt etwas zu verpassen. Neugierbefriedigung steht bei ihr oft vor den Grundbedürfnissen, auch beim Essen. Man muss sie quasi zum Schlafen zwingen und hat jedes Mal das Gefühl gegen ihre Bedürfnisse zu kämpfen.

Bedürfniserfüllung bei High Need Babys

Und damit wären wir schon beim letzten Punkt angekommen. Bedürfniserfüllung ist aus meiner Sicht nicht gleich Bedürfniserfüllung. Einerseits wertet jede Mutter, jeder Vater seinen Einsatz anders. Was dem einen bereits zu viel Aufopferung ist, ist für den anderen selbstverständlich. Jeder hat andere Vorstellungen und Ansprüche an die Elternschaft. Ich würde mich im Mittelfeld einordnen. Ich gebe viel, erreiche aber auch irgendwann meine Grenzen und muss einmal durchatmen, mich sammeln und selbst wiederfinden. Mit Kindergartenkind ist es ideal, die perfekte Mischung aus Muttersein und einfach mal nur auf sich selber hören. Ein Baby gibt einem diese Freiräume nicht, erst recht kein "High Need Baby", wo ich auch Wölkchen einordnen würde. Denn es ist einfach Bedürfnisse seines Kindes zu erfüllen, wenn es nicht so viele hat. Bei einem High Need Baby stößt man viel schneller an seine Grenzen. Es hängt quasi rund um die Uhr an der Mutter (oder am Vater, wenn man Glück hat). Es will herumgetragen werden, möchte nicht alleine schlafen, ist nachts ständig wach und möchte am liebsten Dauernuckeln. Fremde Situationen sind ihm suspekt und werden mit Gebrüll kommentiert. Nicht gerade förderlich, um soziale Kontakte mit anderen zu pflegen. Die Bedürfnisse der Mutter müssen hinten angestellt werden, wenn man kein schreiendes Etwas riskieren möchte. Zeiten für sich selbst sind rar, Zeit zum Schlafen, zum Essen, zum Duschen, zum Durchatmen. Von Selbstverwirklichung möchte ich mal gar nicht reden.
Traurig wird es, wenn man die Bedürfniserfüllung des Babys nicht genießen kann, sondern nur noch den Endpunkt herbeisehnt. Wenn man endlich abgestillt hat, in der Hoffnung nicht mehr die einzige Bezugsperson zu sein. Wenn es endlich durchschläft und man selbst wieder zum Krafttanken kommt. Wenn es sich selber beschäftigen kann, nicht nur fünf Minuten. Und da helfen Sätze wie "Genieße es. Sie werden so schnell erwachsen" reichlich wenig. Denn genau das wünscht man sich in diesem Moment.  

Und jetzt werde ich meine Zähne putzen, mich umziehen und ins Bett schleichen, in der Hoffnung zwei Stunden Schlaf am Stück zu bekommen, ehe Wölkchen wieder erwacht und der nächste Stillmarathon beginnt.


Eure übermüdete Wiebke


P.S.: Zur Bedürfniserfüllung bei Kleinkindern hatte ich hier bereits geschrieben.

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