Willst du meine Freundin sein?

"Dann geh` und such` Dir jemanden zum Spielen."
Der Satz klingt so einfach. Ich sage ihn so belanglos zu meinem Wirbelwind, als wäre es das Normalste der Welt. Wenn mir jemand in einem Raum voll fremder Menschen sagen würde "Such` dir einen raus und mache Smalltalk mit ihm", dann würde ich kapitulieren. Ich würde mich an den Rand stellen und beobachten. Vielleicht würde ich mich irgendwann zu einer Gruppe von Leuten gesellen, die besonders fröhlich miteinander diskutiert und scherzt, würde etwas mitlachen, etwas einstreuen und so den Kontakt starten. Vielleicht.

Ich bin schüchtern. Ich mag dieses Wort nicht, aber so ist es scheinbar. Ich beobachte lieber, als im Mittelpunkt zu stehen. Ich höre lieber zu, als aktiv eine Konversation zu leiten. Das ist nicht immer einfach, so im wahren Leben. Aber so bin ich eben.
 
Nun stehen wir also auf dem Spielplatz und Wirbelwinds Freunde aus dem Kindergarten sind noch nicht da. Und ich sagen den Satz, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. 
Manchmal setzt sich Wirbelwind einfach mit mir auf die Bank und schaut noch etwas zu, so wie ich es machen würde. Aber oftmals geht sie einfach los. So wie diesmal. Sie schnappt sich zwei kleine Sandspielzeug-Muscheln und steuert schnurstracks auf ein Kind zu, dem diese offensichlich gehören. 

"Hey, schau mal, was ich habe!" 

Die Antwort des Mädchens höre ich nicht, aber sie scheint zufriedenstellend zu sein, denn das nächste, was ich Wirbelwind sagen höre, ist: 

"Hey, willst du meine Freundin sein?"

Und sie flitzen fort, lassen die Muscheln die Rutsche hinuntergleiten, sammeln Stöcke für ein Lagerfeuer, machen ein Picknick im Häuschen und springen vom Klettergerüst. Es ist als hätten sie nie etwas anderes getan. Den Namen des Mädchen erfragt Wirbelwind nicht. Sie wird einfach "Freundin" genannt. Und das scheint das andere Mädchen auch nicht zu stören. 

Ist es so einfach?

Für Kinder ist Freundschaft nichts dauerhaftes. Es ist eher das Zugeständnis, für die nächste Zeit als Spielkamerad zu dienen, so scheint mir. Vielleicht fällt es daher auch so leicht Freundschaften zu schließen, weil sie nicht mit Vorstellungen verbunden sind, die uns als Erwachsene häufig daran scheitern lassen. Jeder geht anschließend seine Wege. Keine Telefonate, keine E-Mails, keine Whatsapp-Nachrichten. Nur die Gewissheit: wenn wir uns auf dem Spielplatz wieder sehen, werden wir wieder miteinander spielen. Ohne schlechtes Gewissen, weil man sich zwischendurch nicht gemeldet oder nicht zum Geburtstag gratuliert hat.

Wann hört das auf? Wann fangen wir an, an Freundschaften Bedingungen zu knüpfen, die über das Teilen von Spielzeug oder mitgebrachten Lebensmitteln hinausgehen? Wann wird es kompliziert?

Und steigt mit der Kompliziertheit die Hemmung? Hemmung davor etwas falsch zu machen, weil so viele Freundschaftsregeln zu beachten sind? Hemmung davor zurückgewiesen zu werden, weil man bereits schlechte Erfahrungen damit gemacht hat? Hemmungen davor, dass diese Komplexität, die eine weitere Person im Leben bedeutet, nicht bewältigt werden kann?

Oje, ich verzettel mich. Eine Antwort werdet Ihr von mir hier nicht hören. Nur diese vielen Fragen. Ich grübele einfach zu viel nach. Wahrscheinlich noch ein Grund meinerseits, warum ich nicht so unbeschwert unbekannten Personen gegenüber auftreten kann. Ich höre jetzt lieber auf, ehe es zu abstrus wird.

Wie seht ihr das?

Eure Wiebke 

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