Winterliche Erinnerungen

Es ist kalt, knapp unter Null Grad. Mit jedem Atemzug bildet sich eine weiße Wolke vor meinem Mund. Dennoch friere ich nicht. Mit Eifer rolle ich eine handgroße Kugel über den schneeweißen Untergrund. Ich möchte einen Schneemann bauen. Ich bin motiviert. Sehr motiviert. Mein Kind ist bereits im Warmen. Es hatte keine Lust zum Schneemannbauen.



Ich denke an meine Kindheit zurück. An die wenigen Winter, in denen so viel Schnee lag, dass ich mit meinen Freunden einen Schneemann bauen konnte. Ich erinnere mich an die unbekümmerte Zeit, in der alle Kinder aus der Nachbarschaft ihre Schlitten aneinander banden und diese von einem engagierten Jungen durch die Kälte gezogen wurden. Ich erinnere mich an Rodelpartien über städtische Grünflächen, die heute längst verbaut sind. Ich erinnere mich an die Zeit des Heimkommens, die brennenden Hände, die roten Backen, den warmen Tee mit viel zu viel Zucker und Zitrone. 
Ich erinnere mich aber auch an die vielen Winter, in denen wir den Schnee herbeisehnten und immer wieder enttäuscht wurden. Ich erinnere mich an den Winter, an dem ich Kinderski geschenkt bekam und mit ihnen mit den ersten Flocken über den spärlich mit Schnee bedeckten Gehweg schlurfte. 

All diese Erinnerungen kommen nun wieder hoch. Besonders die vielen schneearmen Winter sind mir präsent, in denen das Übereinanderstapeln von drei Tennisballgroße Kugeln bereits als Schneemannbauen galt. Doch nun war so viel Schnee da. Das musste ein mannshoher Schneemann werden. Also rolle ich und rolle ich die kleine Kugel vor mir her. Einmal den Berg hinunter, wieder hinauf, wieder hinunter. Die Kugel hat sich nur unwesentlich vergrößert. Ich rolle weiter, den Berg hinauf, hinunter, hinauf, hinunter. Wieder das gleiche Bild. Ich bin geschafft (da fehlt mir wohl doch etwas kindliche Kondition) und gebe auf. Der Schnee ist noch zu pulverig. Die Kugel hat nicht einmal die Größe einer Bowlingkugel. Wie soll da ein Mannshoher Schneemann entstehen? Gar nicht. Enttäuscht stelle ich die Murmel an den Hauseingang. Aber Morgen. Morgen soll es wärmer werden, vielleicht kann ich sie dann besser formen.

Am nächsten Tag sind es tatsächlich knapp über Null Grad. Ich versuche meinen Sprössling zum Schneemannbauen zu motivieren, doch sie will lieber im Warmen mit ihrer Kusine spielen. Mit viel Überredungskunst kommt sie dann doch mit. Während ich die mühsam zusammengestellte Kugel von Gestern weiter bearbeite, schmeist sie sich in die Schneeberge und entdeckt doch noch ihre Begeisterung für das weiße Etwas. Meine Kugel nimmt rasch an Größe zu. In wenigen Minuten habe ich drei große Bälle geformt und zu einem Schneemann übereinandergeschichtet. Immerhin hat er die Größe meines Kindes erreicht. Nun noch Möhre und Kohle besorgt und schon ist er fertig, der Schneemann. Ich schieße Beweisfotos ehe sich mein Kind über ihn hermacht, ohne Reue den Kopf vom Körper reißt und die kohlenen Knöpfe im Schnee zerstampft. Den winterlichen Zauber muss ich ihr wohl noch beibringen.

Wir gehen rein. Ihre Bäckchen sind rot und ihre Finger kalt. So soll es sein.




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