Toleranz von klein auf

Unser Wirbelwind hat mich auf ein Thema aufmerksam gemacht, zu dem ich hier gerne ein paar Zeilen schreiben möchte. Es ist das Thema "Behinderung".


Pränataldiagnostik
Jede Schwangere kennt dieses Gefühl der Ungewissheit. Der ersten Euphorie folgt die bange Frage: wird das Kind gesund sein? Ist mit ihm alles in Ordnung? Unzählige Test können Schwangere inzwischen über sich ergehen lassen, um diese Ungewissheit zu reduzieren. Neben klassischen Bluttests gehören dazu auch Nackentransparenzmessungen, Chorionbiopsien oder Amniozentesen um genetische Anomalien wie Trisonomie 21 oder Ähnliches abzuklären. 

Ich selbst habe neben den Standard-Ultraschalluntersuchungen lediglich eine Feindiagnostik machen lassen. Neben dem Effekt, dass ich dort das Geschlecht des Kindes erfahren habe, wurde mir auch versichert, dass keine Fehlbildungen entdeckt wurden. Klar das beruhigt. Aber was ist, wenn die Untersuchungen anders verlaufen? Wenn man die Nackenfalte messen oder das Fruchtwasser untersuchen lässt und eine schwerwiegende Krankheit oder mögliche „Behinderung“, wie es heißt, festgestellt wird? Einige treiben im vierten Monat ihr Kind ab, weil sie die Diagnose nicht verkraften, andere entscheiden sich bewusst für das Kind. Einige von den Müttern, die in der Schwangerschaft die Diagnose Down-Syndrom hören, gebären ein gesundes Kind! Wieder andere werden bei der Geburt mit diesem Schicksal konfrontiert. Was mich am meisten geschockt hatte war die Tatsache, dass "nur" ein Prozent der Behinderungen genetisch bedingt sind, zwei Prozent hingegen während der Schwangerschaft oder Geburt entstehen.

Umgang mit dem Thema Behinderung
Doch wie geht man nun mit dem Thema Behinderung um? Wie verhält man sich, wenn man einem Menschen mit Behinderung begegnet? Das Thema selbst ist inzwischen kein Tabuthema mehr, wird offen angesprochen. Auch viele Kindergärten haben Integrativplätze, so dass eine gesellschaftliche Ausgrenzung vermieden werden soll. So auch in Wirbelwinds Kindergartengruppe. Das "Integrativkind" ist ein fröhlicher Junge, der jedoch sowohl geistig als auch körperlich benachteiligt ist (was er genau hat, weiß ich leider nicht). Wirbelwind hat gemerkt, dass er nicht selber seine Spielsachen holen kann und bringt ihm, sobald er den Raum „betritt“, seine Lieblingsringe, mit denen er so gerne spielt. Und draußen im Hof stellt sie sich vor seinen Stuhl und spielt mit ihm im Sand, der in eine Schüssel vor ihm gefüllt wurde. Was mich überrascht hat ist die Tatsache, dass sie es so selbstverständlich tut. Dass sie nicht hinterfragt, warum er denn nicht selber seine Spielsachen holt oder durch die Gegend hüpft, wie die anderen Kinder. Sie hält es nicht für nötig zu hinterfragen, warum er so ist wie er ist. Sie akzeptiert es und geht damit ganz normal um. So sollte es ja auch sein. 
Und das machte mich baff. Wäre es nicht toll, wenn alle Menschen genau diese Einstellung hätten? Wenn alle so selbstverständlich mit den Mitmenschen umgingen, egal welches Handicap sie haben?

Leider hält diese Unbeschwertheit nicht ewig an. Wenn die Kinder älter werden, und insbesondere, wenn sie zuvor weniger mit diesen außergewöhnlichen Menschen in Kontakt gekommen sind, können sie grausam sein. Ihre Unsicherheit tun sie ehrlich kund und können die Betroffenen gehörig vor den Kopf stoßen. Auch wir Erwachsenen wissen manchmal nicht so recht, wie wir uns in solchen Situationen verhalten sollen. Grundsätzlich wollen diese Menschen genauso behandelt werden wie wir alle. Doch oftmals geht es eben nicht. Und so ist es ein schmaler Grad zwischen Hilfsbereitschaft und Mitleid. Ich selbst trete diesen Menschen teilweise hilflos und unsicher, aber auch neugierig und offen gegenüber. Mich interessiert die Geschichte dahinter und welche Fähigkeiten möglich sind, was von mir verstanden, was von der Umwelt aufgenommen wird. Es ist faszinierend und traurig zugleich. Und es öffnet den Blick auf die Besonderheit und auch Schönheit der Natur. Es weckt das Verständnis, dass Glück eben nicht nur in der Perfektion liegt.

So ein Integrativplatz im Kindergarten kann den Umgang mit diesem Thema erleichtern sowie Toleranz und Weitsicht fördern. Ich hoffe sehr, dass unser Wirbelwind auch später noch so selbstverständlich mit Menschen mit Behinderung umgeht, wie sie es jetzt tut.

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