Damals und Heute



Es ist schon erstaunlich, wie ein Kind das eigene Leben verändert. Nicht nur bezogen auf die völlig anderen Lebensabläufe und Prioritätensetzung, sondern sogar hinsichtlich der eigenen Person, der eigenen Persönlichkeit sowie des Blickes auf die Welt. Hier ein Versuch, diese Unterschiede zwischen Damals (vor Wirbelwinds Geburt) und Heute (nach Wirbelwinds Geburt) darzustellen. 
Damals waren für mich Kinder halt Kinder: süß, lösten aber keine weiteren Gefühlsregungen bei mir aus. Im Gegenteil: Wenn meine Schwester von den Entwicklungen ihres Kindes sprach, schaltete ich manchmal ab, weil es mich einfach nicht interessierte. Heute ist sie diejenige, die mir nicht mehr zuhört, wenn ich ihr erzähle, wie oft der Wirbelwind heute gepupst hat ;-) Ich werde ganz gefühlsduselig, wenn ich andere Kinder sehe, unterhalte mich liebend gerne mit anderen Eltern, um deren Erfahrungen, Probleme und Tipps zu erhaschen. 
Damals waren meine obersten Tugenden Ordnung und Pünktlichkeit. Ich entsprach dem Sinnbild eines rational denkenden Wesens, quasi dem Homo Oeconomicus. Heute herrscht das Chaos. Ich habe inzwischen aufgegeben meinem Wirbelwind hinterher zu räumen, lasse ihre Sachen oftmals einfach liegen und schaffe es ab und an auch abends nicht mehr vom Sofa aufzustehen, um zumindest nach Wirbelwinds Bettgehzeit den Urzustand wieder herzustellen. 
Damals hatte ich ein gutes Gedächtnis, machte mir keine Einkaufszettel, sondern schlenderte gemütlich durch den Supermarkt und überlegte in aller Ruhe, was ich denn abends mal essen könnte. Heute hat sich die Stilldemenz, obwohl ich bereits seit fast einem Jahr nicht mehr stille, immer noch nicht verzogen. Sie schwebt über mir wie ein Damoklesschwert und schlägt im Alltag zu, wenn ich es nicht erwarte. Und so laufe ich zum Beispiel zielstrebig in die Küche, um etwas zu holen und dann hilflos im Raum zu stehen, weil ich vergessen habe, was ich hier wollte. Die gute Nachricht: irgendwann fällt es mir meist wieder ein, zum Beispiel wenn ich mir meinen morgendlichen Joghurt aus dem Kühlschrank nehmen möchte und es mir dämmert, dass ich den ja am Vortrag im Supermarkt einkaufen wollte, nicht die Bananen, die Wurst und das Brot, dass ich stattdessen mitgebracht habe. Und was hilft es da, wenn ich einen Einkaufszettel schreibe, den ich ebenfalls zu Hause vergesse?
Naja, etwas beruhigt mich dann doch: manchmal liegt es nicht an meinem nachlassenden Gedächtnis, wenn ich etwas nicht finde, sondern am Wirbelwind, der durch das Zimmer gefegt ist und meine gut geordneten Sachen neu „sortiert“ hat. Das Gute: wenn man sie fragt, wo sich denn die Decke, der Schuh oder der Ball befindet, dann läuft sie meist zielsicher zu ihrem Chaoshaufen, ruft "da!", und zeigt mir genau den Gegenstand, den ich wollte. Ein Genie!


NACHTRAG (8.12.2013)
Mir sind noch weitere Unterschiede eingefallen, die ich beim letzten Mal vergessen hatte aufzuschreiben - so viel zum Thema Vergesslichkeit :-(
Der erste Kommentar bezieht sich auf die Unordnung: Damals, wenn wir eine Freundin mit Kleinkind besucht hatten, dachte ich: sie hätte ja mal aufräumen können, wenn sich Besuch ankündigt. Überall lagen diese Spielsachen herum. Heute weiß ich, dass sie das bestimmt getan hat, ihr Kind es nur in Sekundenschnelle wieder verwüstet hat.
Damals habe ich mich über die Leute aufgeregt, die einen Artikel vor die Namen setzten. Heute sage ich es selber. Ich will es eigentlich gar nicht, aber obwohl mein Gehirn sagt: „Nein, tu es nicht“, höre ich die Worte aus meinem Munde kommen: „Gib das Buch bitte DEM Papa“ oder „Hey, nicht DIE Mama hauen!“. Warum ist das so? Wird man als Eltern darauf umprogrammiert? Kaum flutscht das Baby aus dem Bauch, werden im Kopf anscheinend Schalter umgelegt, die einen solche Worte sprechen lassen. Hilft es dem Kind, uns besser zu verstehen? Ich kann nur hoffen, dass es so ist. Ansonsten habe ich keine andere Ausrede parat ;-)

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